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Wintertraining für den Kopf: Mentaltraining für Gleitschirmpiloten


Gleitschirmpilot bei Skitour im Winter - Mentaltraining und Reflexion in verschneiter Berglandschaft
Der Winter bietet Gleitschirmpiloten die perfekte Zeit für Reflexion und mentale Vorbereitung – sei es bei einer Skitour oder in ruhigen Momenten zu Hause.

Momentan erleben wir die kürzesten Tage im Jahr. Für viele Gleitschirmpiloten bedeutet der Winter eine ruhigere Phase – weniger Flugtage, mehr Zeit am Boden. Manche packen den Schirm bis zum Frühjahr weg, andere nutzen die stabilen Bedingungen für entspannte Soaring-Flüge, intensive Manöver-Trainings oder genussvolle Ski & Fly Abenteuer.


Doch egal, ob du im Winter aktiv fliegst oder eine Pause einlegst: Die dunklere Jahreszeit bietet eine einzigartige Chance für mentales Training. Während im Sommer oft der Aktionismus dominiert – ein Flugtag jagt den nächsten – gibt uns der Winter den Raum für etwas, das mindestens genauso wichtig ist:


Reflexion, mentale Vorbereitung und die bewusste Arbeit an unserer inneren Stärke.

In meiner Arbeit erlebe ich jedes Jahr dasselbe: Piloten, die den Winter nur "durchlaufen", starten mit denselben mentalen Mustern in die neue Saison. Jene hingegen, die diese Zeit gezielt nutzen, beginnen mit einem enormen Vorsprung – mehr Klarheit über ihre Ziele, stärkere mentale Werkzeuge und einem tieferen Verständnis für sich selbst.



Warum gerade jetzt? Die verborgene Kraft des Winters


Der Winter erfüllt drei entscheidende Funktionen für deine mentale Entwicklung:


Mentale Regeneration: Nach einer intensiven Flugsaison braucht auch unser Nervensystem Erholung. Jeder Flug, jede Entscheidung in der Luft, jede Stresssituation hinterlässt Spuren. Weniger Flugtage bedeuten mehr Kapazität für Integration und Verarbeitung.


Reflexionsraum: Mit zeitlichem und emotionalem Abstand zur aktiven Saison können wir ehrlich auf die vergangenen Monate blicken. Welche Muster haben sich gezeigt? Wo bin ich gewachsen? Welche mentalen Blockaden tauchen immer wieder auf? Diese Erkenntnisse sind Gold wert.


Zeit für gezieltes Training: Ob du im Winter noch fliegst oder nicht – die ruhigere Phase gibt dir Raum für mentale Übungen, die im Sommer-Aktionismus oft untergehen. Jetzt kannst du Techniken entwickeln und verankern, die dich die gesamte nächste Saison begleiten werden.



Der ehrliche Blick zurück: Reflexion als Schlüssel zum Fortschritt


Bevor wir nach vorne schauen, lass uns zurückblicken. Nicht oberflächlich, sondern mit der Tiefe, die echtes Wachstum ermöglicht.


Die Winter-Reflexion (nimm dir 30 Minuten Zeit):

Schaffe dir einen ruhigen Rahmen. Vielleicht bei einer Tasse Tee, mit deinem Flugbuch, ein paar Flugvideos – lass die vergangene Saison noch einmal Revue passieren.


Die Höhepunkte verstehen: Welche drei Flüge waren die Highlights – und warum genau? Wie hast du dich mental gefühlt? Was lief da richtig?


Die Herausforderungen ehrlich betrachten: Welche Situationen haben dich mental gefordert? Wo hat Angst dich ausgebremst – berechtigt oder unberechtigt? Welche Muster tauchen immer wieder auf?


Die Entwicklung würdigen: Wo bist du als Pilot gewachsen – technisch UND mental? Welche Grenzen hast du erweitert?


Praxis-Tipp: Schreib deine Erkenntnisse auf. Das Schreiben zwingt dich zu Klarheit und macht die Gedanken greifbar. Diese Aufzeichnungen werden zu deinem wertvollsten Material für die Planung der neuen Saison.


Wenn du tiefer in die Zielsetzung für 2026 einsteigen möchtest, findest du in meinem Artikel "Zielsetzung im Sport 2025" einen kurzen Guide.



Deine Flug-Motivation für 2026 klären


Die Winterzeit ist ideal, um dich wieder bewusst mit deinem "Warum" zu verbinden. Im Sommer-Aktionismus verlieren wir oft den Kontakt zu unseren tiefsten Motivationen.


Warum mir diese Klärung so wichtig ist – eine persönliche Erfahrung:


Ich kenne das selbst nur zu gut: Mein Kopf ist ständig voller Ideen und Ziele. Ich möchte Strecke fliegen UND technisch besser werden UND mehr Manöver üben UND entspannte Hike & Fly Touren machen UND beim Klettern und Bouldern weiterkommen UND... die Liste wird schnell überwältigend. Das Ergebnis? Ich verzettele mich, verliere den Fokus und am Ende frustriert mich, dass ich "nichts richtig" geschafft habe.


Genau deshalb nehme ich mir jeden Winter Zeit für die Kern-Fragen. Sie helfen mir, aus dem "Ich will alles!" zurück zu finden zu meinem "Was ist mir wirklich wichtig?". Diese Klarheit ist wie ein innerer Kompass – sie hilft mir, zwischen all den verlockenden Möglichkeiten die zu wählen, die wirklich zu mir passen.


Sportmentaltrainerin Britta Höpflinger beim Gleitschirm-Wintertraining im Schnee - Mentaltraining für Piloten
Wintertraining bedeutet für mich: Aktiv bleiben, Spaß haben und mental wachsen – auf und neben der Piste

Die Kern-Fragen:

Warum fliege ich eigentlich? Nicht die oberflächliche Antwort ("Weil es Spaß macht"), sondern die tiefere Ebene. Was gibt dir das Fliegen, das du sonst nirgends findest? Freiheit? Verbundenheit mit der Natur? Herausforderung? Flow? Gemeinschaft?


Welche Art von Pilot möchte ich 2026 sein? Nicht im Vergleich mit anderen, sondern für dich selbst. Der entspannte Genussflieger? Der fokussierte Streckensammler? Der technisch versierte Manöver-Pilot? Der achtsame Soaring-Enthusiast? Es gibt kein richtig oder falsch – nur deine persönliche Wahrheit.


Was möchte ich 2026 in der Luft erleben? Formuliere es emotional, nicht nur in Kilometern oder Höhenmetern. "Ich möchte die Freiheit eines langen Streckenflugs spüren" hat mehr Kraft als "Ich will 100km fliegen". "Ich möchte beim Soaren völlig im Moment sein" inspiriert mehr als "Ich will mehr Flugstunden sammeln".


Praxis-Übung: Nimm dir 15 Minuten Zeit und schreibe frei, ohne zu zensieren. Was würde ein perfektes Flugjahr 2026 für dich bedeuten? Welche Gefühle möchtest du erleben? Welche Erfahrungen machen? Diese Klarheit wird dein innerer Kompass für die kommende Saison – und hilft dir, dich nicht in zu vielen Zielen gleichzeitig zu verlieren.




Mentale Trainingsroutinen für den Winter


Jetzt wird es konkret. Hier sind mentale Übungen, die du gezielt in deinen Winteralltag integrieren kannst – egal, ob du noch fliegst oder eine Pause machst.



Visualisierung: Dein mentales Fluglabor


Visualisierung ist eines der mächtigsten Werkzeuge im Mentaltraining und dies gilt auch für Gleitschirmpiloten. Studien zeigen, dass unser Gehirn ähnliche neuronale Bahnen aktiviert, ob wir etwas real erleben oder nur intensiv vorstellen.


Die Basis-Visualisierung (3-4x pro Woche, ca. 5 Minuten):

Setze dich an einen ruhigen Ort, schließe die Augen und visualisiere einen kompletten Flug – mit allen Sinnen:


  • Sehen: Der Startplatz, die Landschaft, dein Schirm, die Wolken

  • Hören: Wind in den Leinen, das Rauschen der Luft, vielleicht andere Piloten

  • Fühlen: Der Gurt um deinen Körper, Wind auf der Haut, Bremsen in den Händen

  • Riechen: Die Bergluft, das Gras am Startplatz

  • Emotional: Die Vorfreude, die fokussierte Ruhe, die Freude


Durchlebe den gesamten Flug: Start, Thermikzentrieren, Entscheidungen, Landung. Wichtig: Bleib im Präsens, erlebe es JETZT.


Für Winter-Flieger: Nutze die Visualisierung konkret zur Vorbereitung auf deine nächsten Flüge. Visualisiere deine Starts, den geplanten Soaring-Flug, das Manöver-Training oder die Ski & Fly Tour.


Im Februar zeige ich dir in einem eigenen Artikel weitere Visualisierungstechniken – speziell, wie du herausfordernde Situationen mental durchspielst und dich optimal auf die Flugsaison 2026 vorbereitest.



Atem-Training: Dein Anker in jeder Situation


Atemtechniken sind das mächtigste Tool für Emotionsregulation – in der Luft und am Boden. Der Winter ist perfekt, um sie zur Gewohnheit zu machen.


Die 4-7-8-Technik (täglich, 3-5 Runden):

  • 4 Sekunden einatmen

  • 7 Sekunden halten

  • 8 Sekunden ausatmen


Diese Übung aktiviert deinen Parasympathikus und trainiert dein Nervensystem, schnell von Anspannung in Entspannung zu wechseln. Je öfter du übst, desto schneller wirkt sie in Stresssituationen – auch in der Luft.


Winter-Challenge: Integriere diese Technik in deine Morgen- oder Abendroutine. Nach 4 Wochen wird es zur Automatik – und steht dir dann in der Luft sofort zur Verfügung.



Indoor-Übung für mentale Stärke: Der Stress-Test


Mentaltraining muss nicht immer Meditation sein. Hier ist eine praktische Übung, die dir zeigt, wie gut du unter Druck zur Ruhe kommen kannst – eine Schlüsselfähigkeit fürs Fliegen:


So funktioniert's:

Mache 30 Sekunden Burpees (oder andere intensive Übungen wie Hampelmänner, Kniebeugen), dann sofort in die 4-7-8-Atmung wechseln. Dein Ziel: Innerhalb von 2 Minuten komplett ruhig werden – ruhiger Atem, entspannter Körper, klarer Kopf.


Warum das so wertvoll ist:

Das simuliert genau, wie du in der Luft von Stress zurück in Ruhe findest. Wenn die Thermik stärker wird, dein Puls hochgeht und die erste Anspannung aufkommt – genau dann brauchst du diese Fähigkeit. Die gleiche Kompetenz ist auch beim Klettern entscheidend: In der Wand hängend musst du schnell wieder in die Ruhe kommen können.


Trainingswert: Schnelle Emotionsregulation, Nervensystem-Training, Stressresilienz – und gleichzeitig ein Selbst-Check, wie gut du die Atemtechnik schon beherrschst.


Tipp: Diese Übung lässt sich perfekt nach dem Sport integrieren – nach dem Laufen, nach dem Klettern in der Halle, nach dem Krafttraining. Nutze den erhöhten Puls und trainiere das Runterkommen.



Die 7-Tage-Challenge: Dein Start heute


Du hast jetzt konkrete Werkzeuge. Aber ich weiß: Die größte Hürde ist nicht das Wissen, sondern die Umsetzung. Deshalb hier meine Challenge an dich:


Verpflichte dich für die nächsten 7 Tage zu zwei Dingen:

  1. Jeden Tag 5 Minuten die 4-7-8-Atemtechnik (am besten zur gleichen Zeit – morgens oder abends)

  2. 3-4x in dieser Woche je 10 Minuten Visualisierung (ein kompletter Flug mit allen Sinnen)


Das war's. Keine komplexen Pläne, keine Überforderung. Nur diese beiden Basis-Übungen.


Warum das funktioniert: 7 Tage sind überschaubar – du kannst dich wirklich darauf committen. Gleichzeitig ist es lang genug, um erste Effekte zu spüren. Vielleicht bist du ruhiger im Alltag. Vielleicht schläfst du besser. Vielleicht hast du mehr Vorfreude auf deine nächsten Flüge.


Mein Tipp: Finde einen Trainingspartner. Ein Flugfreund, der auch an seiner mentalen Stärke arbeiten möchte? Tauscht euch aus, motiviert euch gegenseitig. Gemeinsames Training verdoppelt die Erfolgsquote.


Nach den 7 Tagen: Wenn die Challenge gut funktioniert hat, behalte die beiden Basis-Übungen bei und füge den Stress-Test hinzu (2-3x pro Woche). So baust du Schritt für Schritt deine persönliche Winter-Trainingsroutine auf.



Mein Fazit: Der Winter als Chance


Der Winter ist nicht die Zeit des Wartens – er ist die Zeit der Vorbereitung. Nicht nur körperlich, sondern vor allem mental. Während andere ihre Gleitschirme verstauen (oder zwischen Ski & Fly Abenteuern und Klettersessions pausieren), hast du jetzt die Chance, die Weichen für deine beste Saison zu stellen.


Nutze die ruhigeren Momente für ehrliche Reflexion. Werde dir klar über dein Warum und deine Ziele für 2026. Trainiere gezielt deine mentalen Werkzeuge – Visualisierung und Atemtechniken als Basis, ergänzt durch den Stress-Test. Und vor allem: Beginne jetzt, nicht irgendwann.


Im Februar erscheint hier mein Artikel über die mentale Vorbereitung auf die Flugsaison – dort vertiefen wir, wie du diese Winter-Arbeit konkret in die ersten Flugtage überträgst und welche weiteren Visualisierungstechniken dir dabei helfen.


Der Winter wartet nicht. Deine mentale Entwicklung beginnt heute.


Happy Training und

always happy landings


Britta



P.S. Workshop und weitere Ressourcen


Möchtest du deine mentale Stärke gezielt weiterentwickeln? In meinen Workshops 2026 arbeiten wir gemeinsam daran, dass du entspannter, bewusster und letztendlich auch erfolgreicher fliegst.


Kommende Workshop-Termine 2026:

  • Mental stark in die Flugsaison: März 2026, Werfenweng

  • Level Up Pustertal: Mai, Juni und August 2026, Sillian


Alle Details und Anmeldung findest du hier: Zu den Workshops 2026


Weitere Artikel, die dich unterstützen:


Über die Autorin: Britta Höpflinger ist Sportmentaltrainerin mit Spezialisierung auf Paragliding. Sie unterstützt Piloten dabei, ihre mentale Stärke zu entwickeln und mehr Freude am Fliegen zu finden.


Hat dir dieser Artikel gefallen? Teile ihn gerne mit anderen Piloten, die ebenfalls mehr Genuss beim Fliegen entwickeln möchten.


Deine Erfahrungen: Wie nutzt du die Wintermonate für deine mentale Entwicklung? Fliegst du noch im Winter oder legst du eine Pause ein? Und welches mentale Thema würde dich für kommende Artikel am meisten interessieren? Ich freue mich auf deine Kommentare und Anregungen!

 
 
 

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