Die Saison ehrlich reflektieren – ohne dich schlechtzumachen

Ich sitze gerade selbst über meinem Flugbuch aus diesem Jahr. Weniger Streckenflüge als geplant, dafür ein paar Tage, an denen ich einfach keine Lust aufs Fliegen hatte und stattdessen lieber klettern gegangen bin. Mein erster Gedanke beim Durchblättern: "Ach komm, das war nichts!" Keine Zufriedenheit – eher Frust und Enttäuschung, obwohl objektiv gar nichts Schlimmes passiert ist.
Vielleicht geht es dir gerade ähnlich. Der Schirm muss im Herbst ja nicht gleich in den Keller wandern – oft werden es einfach kürzere, dafür genussvollere Flüge, mit klarem Panorama und sanfter Thermik statt großer Strecke. (Warum gerade diese Flüge so wertvoll sind, habe ich hier ausführlich beschrieben).
Was aber bei vielen im Herbst gleich ist: Die Ergebnisse der Saison werden sichtbar. Der Staatsmeister im Streckenfliegen steht fest, die Vereinsmeisterschaft ist entschieden. Für viele von uns beginnt genau in diesem Moment die eigene Saisonbilanz – und die fällt selten neutral aus.
Und dabei passiert bei den meisten von uns eine von zwei Sachen.
Die einen fangen an zu rechnen: Wie viele Flugtage, wie viele Kilometer, wie viele Ziele erreicht – und wie viele eben nicht. Die Bilanz fällt schnell ernüchternd aus, weil man sich fast automatisch an dem misst, was man sich vorgenommen hatte, an dem, was andere geschafft haben, oder an der eigenen Bestleistung aus dem Vorjahr. Am Ende steht ein Gefühl von "war nicht genug".
Die anderen machen das Gegenteil: Sie überspringen die Reflexion komplett. Zu unangenehm, zu viele offene Baustellen, lieber nicht so genau hinschauen. Die Saison wird einfach "abgehakt", man fliegt schon fast automatisch in die nächste rein – ohne wirklich zu wissen, was man mitnimmt.
Beides bringt dich nicht weiter. Und beides hat mit echter, ehrlicher Reflexion wenig zu tun.
Warum uns die ehrliche Rückschau so schwerfällt
Ich sehe das jede Saison wieder – bei Hobbypiloten genauso wie bei ambitionierten Strecken- und Wettkampfpiloten. Der Unterschied ist oft nur, woran sich die Bewertung festmacht: Der eine vergleicht sich mit den ersten 50-Kilometer-Flügen in der WhatsApp-Gruppe, der andere mit der Platzierung eines Kollegen oder mit dem eigenen Ziel für die Vereins- oder Staatsmeisterschaft. Das Muster dahinter ist erstaunlich ähnlich.
Unser Gehirn liebt einfache Bewertungen. Gut oder schlecht. Erfolg oder Versagen. Diese Schwarz-Weiß-Logik ist evolutionär günstig – sie spart Denkleistung. Für eine ehrliche Saisonbilanz ist sie aber denkbar ungeeignet, weil sie komplexe Entwicklungen auf eine einzige Zahl oder ein einziges Gefühl runterbricht.
Das Problem an der reinen Selbstkritik: Sie fühlt sich zwar nach Ehrlichkeit an, ist aber meistens gar nicht besonders differenziert. "Ich bin dieses Jahr nicht weitergekommen" ist eine Bewertung, keine Beobachtung. Und Bewertungen dieser Art blockieren eher, als dass sie helfen – das kennst du vermutlich schon aus meinem Artikel über Misserfolg im Sport.
Das Problem an der Verdrängung: Sie fühlt sich angenehmer an, aber du nimmst nichts mit in die nächste Saison. Keine erkannten Muster, keine bewusste Weiterentwicklung. Du startest im Frühjahr wieder bei null.
Mit dir selbst so umgehen wie mit einem guten Freund
Was mir dabei hilft – und was ich auch meinen Piloten in den Trainings mitgebe: Frag dich bei der Rückschau nicht "War ich gut genug?", sondern behandle dich selbst so, wie du auch einen guten Freund behandeln würdest, der dir gerade von seiner Saison erzählt.
Würdest du einem Freund, der erzählt, dass er dieses Jahr weniger geflogen ist als geplant, sagen: "Dann war deine Saison eben nichts wert"? Wahrscheinlich nicht. Du würdest fragen: Was ist passiert? Was hat sich verändert? Was hast du trotzdem mitgenommen?
Die Psychologin Kristin Neff hat dazu über Jahre geforscht und nennt das Selbstmitgefühl – wichtig dabei: Das hat nichts mit Selbstmitleid oder Schönreden zu tun. Ihre Untersuchungen zeigen etwas, das mich nicht überrascht hat, als ich davon gelesen habe: Menschen, die sich selbst wohlwollender begegnen, schauen bei Rückschlägen tendenziell genauer und ehrlicher hin – nicht weniger. Wer sich nicht sofort verurteilt, muss auch nichts beschönigen, um die eigene Härte abzufedern.
Bewerten versus beobachten
Der zweite Baustein, der dir hilft, kommt dir vielleicht bekannt vor – ich habe ihn in "Prozessorientierung im Gleitschirmfliegen" schon mal aus einer anderen Perspektive beleuchtet. Dort ging es um den einzelnen Flug, um den Unterschied zwischen Ergebnis- und Prozessfokus in der Luft. Genau dieser Unterschied taucht jetzt nochmal auf – diesmal nicht während des Fluges, sondern in der Rückschau auf die ganze Saison: der Unterschied zwischen Bewerten und Beobachten.
Eine Bewertung klingt wie: "Diese Saison war schlecht." Eine Beobachtung klingt wie: "Ich bin dieses Jahr an 20 Tagen geflogen, davon war ich bei zwei Flügen unsicher am Startplatz und bin bei fünf früher gelandet, als ich es eigentlich vorhatte."
Der zweite Satz ist deutlich unangenehmer zu formulieren, weil er konkret ist. Aber er ist auch der einzige, mit dem du wirklich etwas anfangen kannst. Aus "war schlecht" lässt sich nichts lernen. Aus "bei zwei Flügen unsicher am Startplatz und bei fünf früher gelandet" schon.
Zwei Piloten, zwei Saisonbilanzen
Julia fliegt seit drei Jahren, meistens am Wochenende, wenn Zeit und Wetter passen. Als sie im Herbst ihr Flugbuch durchblättert, sieht sie: 14 Flugtage, kein einziger über 30 Kilometer. In ihrer WhatsApp-Gruppe posten andere ihre ersten 100er. Ihr erster Gedanke: "Ich komme einfach nicht weiter."
Paul fliegt seit zehn Jahren, nimmt an Wettkämpfen teil und hatte sich für diese Saison ein konkretes Platzierungs-Ziel gesetzt. Am Ende der Saison hat er es nicht erreicht – wegen einer Verletzungspause im Frühsommer und zwei Wettkampftagen mit schwachen Bedingungen. Sein erster Gedanke: "Die Saison war umsonst."
Beide machen denselben Fehler: Sie bewerten die ganze Saison über ein einziges Kriterium – Kilometer, Platzierung – und lassen alles andere unter den Tisch fallen.
Als Julia genauer hinschaut, fällt ihr auf: Sie ist dieses Jahr zum ersten Mal an einem für sie neuen Gebiet geflogen. Sie hat gelernt, bei böigem Wind ruhiger zu bleiben. Sie ist einmal bewusst früh gelandet, weil ihr Bauchgefühl "Nein" gesagt hat – und im Nachhinein war das genau die richtige Entscheidung.
Als Paul genauer hinschaut, fällt ihm auf: Er hat nach der Verletzung einen der bewusstesten Wiedereinstiege seiner Fliegerkarriere hingelegt. Er hat gelernt, seine Energie über einen Wettkampf hinweg besser einzuteilen. Und er hat – trotz allem – an den zwei schwachen Tagen nicht aufgegeben, sondern hat seine Entscheidungen ruhig getroffen.
Nichts davon ändert die Fakten. Julia ist keine 100 Kilometer geflogen, Paul hat sein Platzierungs-Ziel nicht erreicht. Aber die Bilanz sieht plötzlich anders aus, wenn sie nicht mehr nur aus einer Zahl besteht.
Deine ehrliche Saison-Reflexion: die 3-Spalten-Methode
Wenn du das für dich selbst machen willst, nimm dir eine ruhige halbe Stunde und drei Spalten – auf Papier oder im Kopf:
Spalte 1 – Fakten, ohne Bewertung: Was ist tatsächlich passiert diese Saison? Flugtage, Situationen, Entscheidungen – so nüchtern wie möglich beschrieben, wie ein Beobachter von außen es aufschreiben würde.
Spalte 2 – Was war schwierig: Wo bist du an Grenzen gestoßen? Welche Situationen haben dich verunsichert, welche Erwartungen hast du nicht erfüllt? Auch das gehört in eine ehrliche Bilanz – hier geht es nicht ums Schönreden.
Spalte 3 – Was nimmst du mit: Was hast du gelernt, worauf kannst du aufbauen – unabhängig davon, ob es sich in Kilometern oder Platzierungen ausdrücken lässt?
Der entscheidende Punkt: Spalte 2 darf ehrlich unangenehm sein. Es geht nicht darum, Schwierigkeiten zu leugnen. Es geht darum, dass die Schwierigkeiten am Ende nicht die einzige Zeile in deiner Bilanz bleiben.
Ein paar Fragen, die dir beim Ausfüllen helfen können:
Welche Situation dieser Saison würde ich, ehrlich betrachtet, anders angehen?
Was habe ich gelernt, das ich vor der Saison noch nicht konnte oder wusste?
Welche Entscheidung war rückblickend klug – auch wenn sie sich im Moment nicht danach angefühlt hat?
Wo habe ich mich zu sehr mit anderen verglichen, statt meine eigene Entwicklung anzuschauen?
Was würde ich einem Freund sagen, der mir genau diese Saison erzählt?
Diese letzte Frage ist meiner Erfahrung nach die wirksamste. Sie holt dich aus der Innenperspektive raus, in der die Selbstkritik am lautesten ist.
Aus der Praxis
In meinen Trainings arbeiten wir mit dieser Reflexion deutlich tiefer – wir schauen uns gemeinsam an, welche wiederkehrenden Muster sich über mehrere Situationen zeigen, und entwickeln daraus konkrete Ziele für die nächste Saison. Die 3-Spalten-Methode hier ist der erste, wichtige Schritt, den du auch alleine gehen kannst.
Fazit: Ehrlich heißt nicht hart
Eine ehrliche Saisonbilanz bedeutet nicht, sich alles schönzureden. Und sie bedeutet auch nicht, sich für jede verpasste Zielmarke selbst zu verurteilen. Sie bedeutet, genau hinzuschauen – mit derselben Sachlichkeit und demselben Wohlwollen, mit dem du auch einem guten Freund begegnen würdest.
Als ich mein eigenes Flugbuch mit dieser Brille nochmal durchgegangen bin, sah mein "Das war nichts" plötzlich anders aus. Die Tage, an denen ich klettern statt fliegen war, waren keine verpassten Flugtage – ich habe einfach auf mich gehört, statt stur einen Plan durchzuziehen. Und mein eigentliches Ziel für diese Saison hatte ich sogar erreicht: Der Umstieg auf meinen neuen Schirm. Ich fühle mich damit richtig wohl und konnte mit ihm auch einige für mich schöne Strecken fliegen. Das hatte ich beim ersten "Das war nichts"-Gefühl komplett übersehen, weil ich nur auf die fehlenden großen Streckentage geschaut habe.
Ob du 14 oder 40 Flugtage hattest, ob du dein Ergebnisziel erreicht hast oder nicht – am Ende der Saison zählt nicht nur, was in der Statistik steht, sondern was du über dich selbst als Pilot oder Pilotin gelernt hast. Und das lässt sich nicht in Kilometern messen.
Also: Nimm dir die Zeit. Schau ehrlich hin. Und sei dabei so wohlwollend zu dir, wie du es bei jedem anderen auch wärst.
Schöne, ruhige Reflexionsmomente und always happy landings,
Britta
P.S. Wenn du tiefer einsteigen möchtest: In "Zielsetzung im Sport" findest du den nächsten Schritt – wie du aus der Rückschau konkrete Ziele für die neue Saison entwickelst. In "Prozessorientierung im Gleitschirmfliegen" geht es nochmal ausführlicher um Bewerten vs. Beobachten – dort für den einzelnen Flug. Und in "Wie du Misserfolge in deinen größten Vorteil verwandelst" geht es um den Umgang mit dem, was in Spalte 2 landet.
Möchtest du deine Saison-Erkenntnisse direkt in konkrete Ziele für die neue Saison übersetzen? In meinen Trainings arbeiten wir genau daran – mit ehrlichem Feedback und praktischer Umsetzung in der Luft.
Über die Autorin: Britta Höpflinger ist Sportmentaltrainerin mit Spezialisierung auf Paragliding. Sie unterstützt Piloten dabei, ihre mentale Stärke zu entwickeln und mehr Freude am Fliegen zu finden.
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