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Die ersten Flüge der Saison: Mentales Training Paragliding - für den Wiedereinstieg

Start Gleitschirm
Wenn der Kopf noch zögert – und warum das völlig normal ist

Thomas fliegt seit acht Jahren. Er kennt sein Fluggebiet in- und auswendig. Er ist schon tolle Strecken geflogen, die andere noch nicht schafften. Letztes Frühjahr, am ersten Flugtag unseres Level-Up-Workshops im Pustertal, stand er am Startplatz – Schirm ausgelegt, Bedingungen gut – und kam zu mir.


„Ich weiß nicht“, sagte er. „Irgendwie fühlt sich alles komisch an. Als ob ich das erste Mal fliege.“

Ich kenne diesen Satz. Ich höre ihn jedes Frühjahr – auch von erfahrenen Piloten, die genau wissen, was sie tun. Und trotzdem: Nach einer längeren Pause ist der Kopf oft noch nicht da, wo der Körper schon sein will. Das hat nichts mit Können zu tun. Es hat damit zu tun, wie unser Gehirn funktioniert.


Der Kopf braucht seine eigene Aufwärmphase


Was Thomas beschrieb, kennen viele Piloten – aber nur wenige sprechen es laut aus. Nach einer längeren Pause braucht nicht nur der Körper eine Aufwärmphase. Der Kopf braucht sie genauso.


Unser Gehirn arbeitet sehr gerne mit Mustern und Routinen. Wenn wir regelmäßig fliegen, laufen viele Abläufe quasi automatisch ab: die Einschätzung der Bedingungen, das Vertrauen in sich selbst, das Gefühl für den Schirm,... Nach einer Pause müssen diese neuronalen Bahnen erst wieder aufgewärmt werden. Die gute Nachricht: Das geht – wenn man es bewusst angeht.


Warum der innere Kritiker ausgerechnet jetzt laut wird


Die ersten Flüge der Saison sind oft eine besondere psychologische Situation. Auf der einen Seite steht die Vorfreude – das Kribbeln, wenn die erste warme Thermik ruft. Auf der anderen Seite meldet sich das, was ich in meiner Arbeit als den „inneren Kritiker“ bezeichne:


„Letztes Jahr hat das noch viel besser geklappt.“ „Alle anderen fliegen schon wieder viel weiter als ich.“ „Was, wenn ich es heuer nicht auf die Reihe bekomme?“

Diese Stimmen sind keine Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmt.


Sie sind der Versuch deines Gehirns, dich vor Unsicherheit zu schützen – denn das Gehirn liebt das Bekannte, und nach einer Pause fehlt ihm die vertraute Routine. Je mehr wir auf diese Stimmen hören, desto lauter werden sie. Und desto enger wird der Fokus – weg vom Fliegen, hin zu den vermeintlichen Defiziten.


Drei Dinge, die dich unterstützen


Der erste Impuls vieler Piloten nach einer Pause ist: Sofort wieder dort ansetzen, wo man aufgehört hat. Verständlich – aber oft kontraproduktiv. Genau hier setzt mentales Training für Paragliding an – mit drei konkreten Dingen, die den Wiedereinstieg wirklich leichter machen:


1. Anker-Flüge: In deinem Tempo anfangen, Vertrauen aufbauen

Fang klein an – nicht weil du es nicht kannst, sondern als gezielte Strategie. Flieg deinen Hausberg, den du in- und auswendig kennst. Kurze Flüge, klare Bedingungen, kein Druck. Diese „Anker-Flüge“ sagen deinem Nervensystem: Ja, du kannst das noch. Ja, das Fliegen ist noch deins. Jeder positive Flug legt eine neue Schicht Vertrauen – und die summieren sich schneller, als du denkst.

 

2. Selbstgespräch: Was du dir sagst, zählt

Selbstgespräche sind kein weiches Thema – die Sportpsychologie zeigt klar, dass sie direkt beeinflussen, wie angespannt dein Körper ist, wie klar dein Kopf denkt, wie gut du Entscheidungen triffst. Der Unterschied zwischen „Ich bin heute so unsicher“ und „Ich brauche heute ein bisschen Anlaufzeit – das ist okay“ klingt klein. Er ist es nicht. Ersetze bewertende Sätze durch beschreibende – das nimmt den Druck heraus und lässt echtes Erleben zu.

 

3. Visualisierung: Trainieren, bevor du in der Luft bist

Schon am Vorabend kannst du anfangen. Schließe die Augen und geh deinen Flug in Gedanken durch – mit allen Sinnen. Den Schirm über dir, den Wind in den Leinen, das Gurtzeug am Körper. Unser Gehirn aktiviert dabei ähnliche neuronale Bahnen wie beim realen Erleben. Du trainierst also tatsächlich – noch bevor du einen Schritt an den Startplatz gesetzt hast.


Mein erster Flug nach der Verletzungspause


Nach meiner Fußverletzung im Vorjahr erinnere ich mich noch sehr gut an meinen ersten Flug. Wochen ohne Fliegen – nicht freiwillig, sondern erzwungen. Und als ich dann endlich wieder am Startplatz stand, die Bedingungen eigentlich ideal waren – leichter Aufwind, blauer Himmel, kaum andere Piloten – war da dieses unerwartete Zögern.


Ich habe dann etwas getan, das ich seitdem immer wieder empfehle: Ich habe mir drei Minuten Zeit genommen, die Augen geschlossen und einfach geatmet. Nicht um zur Ruhe zu kommen – sondern um wirklich anzukommen. Im Moment. In meinem Körper. Am Berg.

Dieser kleine Akt der bewussten Präsenz hat mehr verändert als jede Technik-Checkliste. Als ich die Augen wieder öffnete, war der Schirm derselbe, der Berg derselbe – aber ich war anders. Bereit.



Prozess statt Ergebnis – besonders jetzt


Die ersten Flüge der Saison sind nicht der Moment, um Streckenrekorde zu brechen oder sich mit dem Vorjahr zu vergleichen. Sie sind der Moment, um wieder in Kontakt zu kommen – mit dem Fliegen, mit dir selbst, mit dem Gefühl, das dich überhaupt erst in die Luft gebracht hat.


Gerade erfahrene Piloten setzen sich – bewusst oder unbewusst – unter Druck, sofort wieder auf dem Level vom letzten Sommer zu sein. Doch Prozessorientierung bedeutet: Der erste Flug darf ein Erkundungsflug sein. Ein Wiedersehen. Ein „schön, dass ich wieder länger in der Luft sein kann“.


Was Prozessorientierung konkret bedeutet und warum sie langfristig auch zu besseren Ergebnissen führt – das habe ich in meinem Artikel "Prozessorientierung im Gleitschirmfliegen“ ausführlich beschrieben. Schau gerne rein.


Der erste Flug der Saison muss nichts beweisen. Er darf einfach sein.

Fünf Fragen für den Startplatz


Nimm dir diese Fragen mit – nicht als Checkliste, sondern als kurzen Check-in mit dir selbst:


•      Wie bin ich heute drauf – körperlich und mental? Nicht als Urteil, sondern als ehrliche Bestandsaufnahme.

•      Was möchte ich heute aus diesem Flug mitnehmen? (Und ja: „einfach wieder oben sein“ ist eine völlig legitime Antwort.)

•      Welche Bedingungen passen zu meinem heutigen Energielevel – nicht zu dem, der ich letzten Sommer war?

•      Welchen Satz sage ich mir, wenn es turbulent ist? Nicht improvisierten – einen, den du dir jetzt schon überlegst.

•      Was gönne ich mir nach der Landung – egal wie der Flug war?

 

Thomas ist an diesem ersten Workshoptag dann doch noch geflogen. Nicht weit, nicht lang – aber er ist geflogen. Und danach hat er gelacht und gesagt: „Okay. Der ist noch da, der Kopf.“


Genau darum geht es.

 

Mentales Training für Gleitschirmfliegen ist kein Luxus für Wettkampfpiloten. Es ist das, was aus einem guten Flugtag einen unvergesslichen macht.

Fazit: Gib deinem Kopf die Zeit, die er braucht


Das Frühjahr ruft. Die Thermik beginnt. Und dein Kopf? Der kommt nach.


Lass ihn aufwärmen. Gib ihm positive Erfahrungen. Sprich gut mit ihm. Das Zögern am Startplatz ist kein Zeichen, dass du das Fliegen verlernt hast – es ist ein Zeichen, dass dein Gehirn das Fliegen ernst nimmt. Und dass du in einer Sportart unterwegs bist, die Respekt verdient.


Und vielleicht ist genau das die schönste Erkenntnis des Frühjahrs:


Der erste Flug nach der Pause gehört nur dir.

Gleitschirmfliegen im Frühjahr
Der Kopf ist angekommen. Jetzt darf geflogen werden.

 

Schöne Flüge und always happy landings,


Britta



P.S. Du möchtest gezielt an deiner mentalen Stärke für die Flugsaison arbeiten?

In meinen Workshops arbeiten wir intensiv an deiner persönlichen Prozessorientierung – mit konkreten Übungen, ehrlichem Feedback und praktischer Umsetzung in der Luft.


Kommende Termine 2026:


  • Level Up Pustertal: 4.–7. Mai | 1.–4. Juni oder 10.–13. August 2026, Sillian

  • Mentaltraining: Klarer Kopf - starker & sicherer Flug: Werfenweng: 4.–5. Juli 2026, Werfenweng



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Erkennst du dich in Thomas wieder? Wie war dein erster Flug nach einer längeren Pause – was hat dir geholfen, wieder anzukommen? Ich freue mich auf deine Erfahrungen in den Kommentaren!

 
 
 

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